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Freizeitfreunde Leserartikel

Bild von LauraeineLoewin


» Zwei Gitarren am Meer

Kein deutscher Soldat steht mehr am Wolgastrand, dafür steht er jetzt im Wüstensand. Immer wieder werden junge Soldaten bei den Waffenstreitigkeiten im nahen Osten eingesetzt. Vielleicht auch zu Weihnachten. Einige von ihnen haben Familie, d.h. eine Frau und Kinder. Es ist für alle sehr schwer loszulassen und wegzugehen. Aber wie kommen sie wieder? Es ist alles nicht mehr, wie es einmal war. Der Krieg verändert die jungen Männer, vollgepumpt mit Beruhigungsmedikamenten und Drogen finden sie oft nicht mehr ins Alltagsleben zurück. Enttäuschen ihre Frauen und Kinder. In einer schlaflosen Nacht überlegte ich mir dann diesen Text.

brigitte konietzka, Fotobearbeitung  und Text

brigitte konietzka, Fotobearbeitung und Text

 

Sing Nachtigall, sing ..... (oder eine verlorene Liebe, die doch so groß war)

Meine Eltern fuhren jedes Jahr im Sommer mit uns auf die Insel Usedeom - Ahlbeck -.
Als Kind spielte ich gerne am Strand, formte Figuren oder hüpfte mit den Wellen um die Wette.

Eines Morgens nach dem Frühstück wieder mein Spaziergang zum  zum Strand. Aber dieses Mal passierte etwas, dass mich mein Leben lang begleiten sollte:

Die Laute vom Lachen und Jauchzen, schnelle Schritte, ein Pärchen kam auf mich zu, sich an den Händen haltend. Sie hatten Gitarren mitgebracht, setzten sich mir gegenüber auf einen Sandhügel, lächelten mich vergnügt an, umarmten sich und stimmten ihre Gitarren.

Es erklang das Lied von den "Zwei Gitarren am Meer" und "Sing Nachtigall sing, ein Lied aus alten Zeiten ... "

Gebannt lauschte ich diesen Klängen und  bedauerte es, dass sie mich verließen.

Auf der Nordspitze der Insel Usedom in Peenemünde lag der Militärflughafen. Er war Flieger und sie hatten sich sicher hier kennen gelernt. Wahrscheinlich war es sein letzter Urlaubstag; denn sie kamen nicht mehr an den Strand.

Immer wieder im Laufe meines Lebens mußte ich an sie denken und machte mir Gedanken darüber, was wohl aus ihnen geworden war.

Eine Kriegstrauung?

Sie bekam einen Sohn, wickelte ihn eines Tages warm ein und zog mit ihm gen Westen, da die russische Front immer näher rückte. Bei dem Bruder ihres Mannes wurde ein Zimmer bereit gestellt. Sie war wenigstens nicht ganz allein. Sein Haus wurde von den Bomben verschont.
Aber auf der anderen Seite war sie allein, und wollte für sich und ihren Sohn selbst sorgen. Die Amerikaner verteilten aus einem Stofflager die Fahnenstoffe der Nazis  (schwarz, weiß, rot), man konnte manches Kleidungsstück aus ihnen nähen. Sie lieh sich die Nähmaschine ihrer Schwägerin und fing an, Kinderkleidchen zu nähen, die sie gut verkaufen konnte mit dem Erfolg, dass sie zwei Frauen einstellte, die ihr bei der Herstellung dieser Kleidung halfen. Es entwickelte sich eine Firma für die Herstellung von Kinderkleidern. Sie hatte keine Sorgen mehr.
Ab und zu in den Mußestunden gedachte sie der Urlaubstage am Meer und fragte sich sehnsuchtsvoll, ob er wohl zu ihr zurückkommen würde. Vorausdenkend hatte sie sich beim "Roten Kreuz" gemeldet, um ihren jetzigen Wohnort anzugeben.

Dann, eines Tages lag ein Brief im Briefkasten:
Ihr Mann wurde aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und wird mit dem Zug am soundsovielten um dieunddie Uhrzeit an demunddem  Bahnhof ankommen.

Sie hatte nicht mehr in Erinnerung, ihr Herz so laut und schnell klopfen zu hören, es raste und sie wurde ganz nervös wegen ihres Erscheinungsbildes. Was sollte sie anziehen`? Sie wollte natürlich für ihn ganz schick sein. Würde sie ihn überhaupt erkennen?
Der Tag kam heran und sie wußte vor lauter Nervosität nicht, was sie richtig machte. Ihr jetzt 3-jähriger Sohn schaute sie verwundert an.  Er wäre gerne mitgekommen, aber sie brachte ihn zu ihrer Schwägerin.
Am Bahnhof- ein Gewimmel von Frauen und Kindern. Sie riefen Namen, hielten Fotos über ihre Köpfe und hatten hoffnungsvolle Augen. Sie lagen sich in den Armen, weinten und hielten ihre Kinder dem für sie fremden Mann entgegen.

Sie stand nur da, sah in das Getümmel von Frauen, Kindern und zerlumpten Gestalten, sah die Freude und das Glück in deren Augen, bis sie plötzlich auf ein Paar Augen aufmerksam wurde, die sie unentwegt ansahen.

Ein Mann kam auf sie zu, sein Blick fiel an sich hinunter und lag dann wieder in ihren Augen.
"Mein Gott", dachte sie, "dieses zerlumpte Wesen ist mein Mann?" Jedoch sein Blick in Ihre Augen, dieser Blick brachte Erinnerung und sie wußte: Er ist es!  Sie erstarrte. Aber im nächsten Moment lief sie auf ihn zu, umarmte ihn und hieß ihn herzlich willkommen.

Zu Hause stand der kleine Sohn hinter dem Rock seiner Mutter, er fürchtete sich. Der Papa   war enttäuscht. Zu gerne hätte er seinen Sohn in den Armen gehalten.

Das Leben ging weiter, aber sie merkte, dass ihre große Liebe zu diesem Mann irgendwo zwischen Bomben, Granaten, den Trümmern dadurch und einem Gefangenenlager in der Ferne,  verloren gegangen war. Er merkte es noch nicht, hatte ein Herz voller Verlangen, das Entbehrte nachzuholen.
Sie ertrug seine Umarmungen, aber sie wollte sie nicht mehr.
Ihre Seelen hatten sich verändert. Sie, die selbständig und dadurch selbstbewußt gewordene Frau, ihren Sohn mit Liebe erziehend,  und er, das  in den Lagern der sibirischen Eiswüste hartgewordene zerlumpte Wesen,  aus der russischen Steppe kommend, auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens.
Sie brachte ihren Sohn ins Bett, las ihm noch eine Geschichte vor und versuchte, die Haltung seines Vaters zu entschuldigen, aber sie wußte, dass es nicht aufgenommen wurde.

Leise ging sie in ihr Büro, Tränen nässten ihre Wangen. Sie nahm ihre Gitarre, sah sinnend in die Ferne, ein lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann spielte und sang sie das Lied von den zwei Gitarren am Meer, dachte an ihre verlorene Liebe,  während die Sonne hinter dem Horizont verschwand und der Tag in der Dunkelheit versank.

(geschrieben von brigitte konietzka)

 

6 Bewertungen

  • Bild von IRAVON

     

    Du hast das Zeug zur Schriftstellerei Sehr schön, danke!

    Gruss von IRA 

  • Bild von satinique1

    So etwas haben im und nach dem Krieg sicherlich viele Frauen erlebt und wenn es nach mir ginge sollte es keine Frau mehr erleben müssen! Höre soebend in den Nachrichten, dass der Afghanistaneinsatz verlängert werden soll, sind ja schon im 12.Kriegsjahr dort.

  • Bild von Elfeline

    Foto: Elfeline

     

    Danke Brigitte, ein schöner Beitrag

  • Bild von wb803893

     

     

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