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Freizeitfreunde Leserartikel

Bild von Anonymous


» Eine "kleine" Weihnachtsgeschichte

(im Internet gefunden.... leider nicht von mir persönlich)

Franziska huschte durch das geschlossene Fenster ins
Zimmer. Sie stellte ihren Besen in die Ecke und betrachtete
neugierig den bunten Wäschehaufen, der sich in das dunkle
Zimmer wölbte. Wenn man ganz genau hinschaute, sah
man, dass die Bettdecke leise zitterte. Und wenn man noch
viel genauer hinhörte, dann konnte man, ganz tief unter den
Polstern und Decken, ein leises Schluchzen hören.
Mit angehaltenem Atem trat Franziska einen Schritt näher.
Nun hörte sie das Schluchzen ganz deutlich. Es war ein
Kinderschluchzen, das hatte sie sofort erkannt.
Denn Franziska war sozusagen Spezialistin für traurige
Kinder. Als sie vorsichtig an dem Wäschehaufen anklopfte,
hörte das Schluchzen mit einem Male auf. Nach einer Weile
meldete sich eine zaghafte Stimme: "Wer ist da?"
"Blöde Frage! Franziska ist hier, wer sonst?"
Franziska war immer ein bisschen beleidigt, wenn man sie
nicht sofort erkannte. "Ich kenne dich nicht. Was machst du
in meinem Zimmer?"
"Na, ich bin Franziska, die kleine Zeithexe! Kleinste und
liebste Hexe aller Zeiten und weltallerberühmteste Zauberin!"

Als sich Franziska so vorgestellt hatte, flogen auf einmal die
Polster und Decken auseinander. Franziska sprang zurück,
um nicht von einem Kopfkissen getroffen zu werden. Unter
der Bettwäsche kam ein Mädchen zum Vorschein. Die Nase
leuchtete rot vom dauernden Schniefen und die Augen
leuchteten noch röter als die Nase. Am rötesten aber
leuchteten die Haare. "Du bist eine Zauberin?", fragte das
Mädchen. Franziska machte eine Verbeugung.
"Allerdings. Franziska, die Zauberin und Zeithexe." "Ich bin
Trixi", sagte das Mädchen und suchte nach einem
Taschentuch, um sich die Tränen von der Wange zu
wischen.
Franziska schnappte kurz mit den Fingern und schon hielt sie
ein gelbes, ein grünes und ein rotes Taschentuch in der
Hand. Das Mädchen schnappte schnell das rote und
betrachtete es sich von allen Seiten. "Du kannst ja wirklich
zaubern!" "Na klar! Hast du mich etwa für eine Angeberin
gehalten?" "Aber du bist doch noch ein Kind", wunderte sich
Trixi. "Pah, das sieht nur so aus! In Wirklichkeit bin ich schon
mundundbeinzig Jahre alt!" Trixi pfiff bewundernd durch
die Zähne. "Das ist echt alt!"

"Genug gequatscht", sagte Franziska. "An die Arbeit!"
"Arbeit? Wieso Arbeit?", wunderte sich Trixi. "Ja, meinst du,
ich zaubere nur so zum Spaß in Wien herum? Da hast du
dich aber schwer vertan!", sagte Franziska. "Aber warum
solltest du denn sonst zaubern?" "Na, um traurigen Kindern
aus der Patsche zu helfen!" Trixi starrte Franziska mit großen
Augen und mit weit offenem Mund an. Sie konnte sich kaum
satt sehen an dem bunten Zauberkleid. Franziska starrte
erwartungsvoll zurück. "Nun sag mir schon, warum du so
traurig bist! Ich hab schließlich nicht bis Ostern Zeit!" Jetzt
erinnerte sich Trixi. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
"Meine Eltern haben mich gar nicht lieb! ", schluchzte Sie.
"Warum sollten deine Eltern dich nicht lieb haben?" "Weil
heute Weihnachten ist!", sagte Trixi und griff nach dem
blauen Taschentuch. „Ich weiß, dass heute Weihnachten ist.
Aber du bist das einzige Kind in ganz Wien, das heute traurig
ist. Warum?"„Weil ich mir einen Hund gewünscht habe!“,
schluchzte Trixi und zog sich einen Polster über den Kopf.
"Und du hast natürlich keinen gekriegt", schloss Franziska.
Das Kopfkissen nickte heftig. "Und was hast du stattdessen
gekriegt?" Trixis Arm wühlte sich aus dem Polster heraus
und zeigte in die hinterste Ecke des Zimmers. Dort entdeckte
Franziska unter einem Berg zerknüllten Geschenkpapiers
einen riesengroßen Teddybären. Sie hob ihn auf. In dem
Moment fing es im Inneren des Bären an zu rauschen und
eine Brummstimme sagte. "Ich bin dein Freund." Franziska
ließ ihn vor Schreck beinahe fallen. Einen sprechenden
Teddybären hatte sie noch nie auf dem Arm gehabt. "Aber
das ist doch ein toller Teddy! Der kann ja sprechen! ", sagte
Franziska ohne Begeisterung. "Ach, das ist doch noch gar
nichts! ", sagte Trixi und kam hinter dem Kissen hervor.
"Pass mal auf!" Sie griff nach dem Arm des Bären und drehte
ihn nach oben. Es rauschte. Dann sagte die Brummstimme:
"Ich muss mal!" Und ehe sich's Franziska versah, hatte sie
einen großen, nassen Fleck auf ihrem Zeitzauberkleid.
Trixi kicherte. "Der kann ja sogar Pipi machen", sagte
Franziska ärgerlich. "Aber es ist kein richtiges Pipi. Es ist
Wasser! Hunde können richtiges Pipi machen!", schimpfte
Trixi.
Franziska, die berühmteste aller Zeithexen, schwieg. "Wenn
du zaubern kannst, kannst du mir dann nicht einen kleinen
Hund herbeizaubern?", fragte Trixi leise. Ihre Augen glänzten
hoffnungsvoll.
Franziska tippte nachdenklich mit dem Zeigefinger auf ihrer
Nase herum. "Hmm", sagte sie, "ich glaube, das geht nicht."
"Kannst du keine Hunde zaubern?" "Natürlich kann ich
Hunde zaubern! Aber was werden deine Eltern sagen, wenn
morgen hier bei dir ein Hund herumläuft?" Trixi wusste
ziemlich genau, was ihre Eltern sagen würden. "Wir wollen
keinen Hund im Haus!", würden sie sagen. Und ganz
bestimmt würden sie ihr den Hund wieder wegnehmen.
"Siehst du", sagte Franziska. "Und dann muss der Hund ins
Tierheim. Da hat niemand etwas davon." "Und wenn ich ihn
im Zimmer verstecke?", schlug Trixi vor.
"Papperlapapp", entschied Franziska. "Das ist doch alles
Blödsinn! Hunde müssen fressen! Hunde müssen draußen
herumtoben! Nein, nein. Wir müssen uns etwas anderes
überlegen!"

Franziska ging im Zimmer auf und ab. Dann blieb sie bei
ihrem Zeitreitbesen stehen, der ruhig in der Ecke stand. Sie
betrachtete ihn nachdenklich. "Das ist mein allertraurigstes
Weihnachten!", schniefte Trixi. "Einen Moment noch! Nicht
weinen, ich hab's gleich", versprach Franziska. Dann
schnappte sie mit den Fingern, hüpfte in die Luft und wirbelte
herum, dass die Sterne nur so aus ihrem Zauberkleid
rieselten. Der Besen sprang aus der Ecke und Franziska
schwang sich auf ihn. "Los, steig auf!", rief sie Trixi zu. "Wir
reisen ein Stückchen auf meinem Zeitreitbesen." "Ist das wie
fliegen?" "Besser", sagte Franziska und schon setzte sich
Trixi mit einem jauchzen hinter Franziska. Sie schlang ihre
Arme um die kleine Hexe und husch! ging es in die klare
Weihnachtsnacht.
Trixi konnte sich kaum darüber wundern, wie sie durch das
geschlossene Fenster gekommen waren, denn schon
schwebte der Besen hoch über de Stadt. Hin und wieder
leuchteten die Lichter eines Weihnachtsbaumes zu ihnen
herauf. Trixi spürte keine Kälte, obwohl sie nur ihren
Schlafanzug trug. Trotzdem kuschelte sie sich ganz eng an
Franziska.
Bald lag die Stadt winzig klein unter ihnen und der Wienfluss
sah aus wie ein dünner, schwarzer Wollfaden. Immer höher
schraubte sich der Besen, hinein in die funkelnden Sterne,
die erschrocken zur Seite sprangen.
Wie hoch fliegen wir denn noch?“, fragte Trixi. Franziska
drehte sich zu ihr um. Sie schrie, um das Rauschen des
Windes zu übertönen: „"Wir kehren gleich wieder um. Ich
muss jetzt aufpassen, um den richtigen Zeitpunkt zu
erwischen! " Trixi nickte, obwohl sie nicht verstanden hatte,
was Franziska mit Zeitpunkt meinte. Sie klammerte sich
noch fester an Franziska. Genau im richtigen Augenblick,
denn plötzlich machte der Besen einen doppelten Salto und
flog wieder zurück in die Richtung, aus der sie gekommen
waren. Trixi fiel ein Stein vom Herzen. So schön die
Fliegerei auch war, sie war doch froh, als sich die Erde
näherte und der runde Fleck, der Wien sein musste, wieder
größer wurde. Doch als sie näher kamen und Trixi nach den
bekannten Häusern und Straßen und Spielplätzen suchte,
fand sie nichts von alledem. Unter ihnen breitete sich eine
einzige Wüste aus Steinen und Trümmern aus.
Zögernd flog der Besen noch ein Stückchen tiefer, dicht über
die Steinhaufen hinweg. Da und dort ragte ein Balken, ein
Stahlgerippe oder ein Stück Mauer aus dem Trümmerhaufen
heraus.
"Wo sind wir hier?", fragte Trixi. "Na, in Wien", antwortete
Franziska leise. „Das glaub ich nicht. Das sieht eher aus, wie
auf dem Mond!“
Es ist aber Wien, das kannst du mir schon glauben.“
Trixi wusste, dass Wien aus einer Menge Häuser, aus
Straßen, vielen Parks, aus viel zu vielen Autos und vor allem
aus Menschen bestand. Aber hier gab es nur Steine, Steine,
Steine. Sie suchte mit den Augen den Erdboden ab nach
irgendeiner Stelle, die ihr bekannt vorkam, doch sie
entdeckte nichts.
Plötzlich tauche etwas aus den Trümmerbergen auf:
schwarz, riesig groß und spitzig und kantig:
der Stephansdom.

“Das ist ja wirklich Wien!“, flüsterte Trixi. „Natürlich! Das hab
ich doch gesagt!“, entgegnete Franziska.
“Aber was ist denn mit den anderen Häusern passiert, und
vor allem mit den Menschen?“
“Tja, es war zwar Wien, aber es ist eine andere Zeit!
Der Zeitreitbesen hat uns in eine Zeit gebracht, die schon
lange vorbei war, als du geboren wurdest! Aber was hier
passiert, findest du am besten selbst heraus“, sagte
Franziska und der Besen stoppte über eine Steinhaufen.
„Du willst mich doch nicht hier alleine lassen?“. fragte Trixi.
“Ich muss“, sagte Franziska. „Ich würde eine ziemliche
Aufregung verursachen, wenn man mich hier mit meinem
Besen und meinen Zeitzauberkleid finden würde. Aber keine
Angst, wenn ich dich abholen soll, dann stell dich auf den
Trümmerhaufen und ruf nach mir. Ich komme dann so
schnell ich kann!“
“Na gut!“, sagte Trixi. Sie wollte Franziska nicht zeigen, dass
sie doch ein wenig Angst hatte.
„Geh einfach nur in die Richtung, dann findest du Freunde.“
Franziska zeigte in die Richtung, wo der Wienfluss sein
musste. Bevor sich Franziska auf ihren Besen davonmachte,
schnippte sie noch einmal mit den Fingern. Trixi sah an sich
hinunter und entdeckte, dass ihr Schlafanzug verschwunden
war.
Nun trug Trixi statt ihrem Pyjama einen staubigen
Strickpullover und zerrissene Jeans. Ihre Füße steckten in
schmutzigen Schuhen, die viel zu groß waren und keine
Schuhbänder hatten. Trixi hatte große Lust gar nicht erst mit
dem Suchen anzufangen. Aber dann war sie doch neugierig,
was es mit dieser Stadt, die keine Stadt mehr war, auf sich
hatte. Mühsam schlurfte sie in die Richtung, die die kleine
Zeithexe ihr gezeigt hatte. Trixi musste sich alle Mühe geben
nicht zu stolpern. Doch so vorsichtig sie auch einen Fuß vor
den anderen setzte, nach fünf Schritten war sie schon
dreimal fast hingefallen und einmal war sie sogar bis zum
Knie in den Schutt berg eingesunken. Danach musste sie mit
bloßen Händen im Geröll graben, weil der Schuh im Loch
stecken geblieben war!

Wie viel leichter ist es doch auf einem Besen durch die Luft
zu fliegen!, dachte Trixi. Und sie hatte schon die Hände zu
einem Trichter geformt um laut nach Franziska zu rufen, als
sie plötzlich ein glucksendes Lachen hörte.
Trixi war erstaunt endlich eine menschliche Stimme in dieser
Mondlandschaft zu hören. Doch so angestrengt sie auch
Ausschau hielt, sie entdeckte niemanden, dem das Lachen
gehören konnte. Schon wollte sie mit Franziska schimpfen,
dass es nicht nett sei, sie erst an diesen unheimlichen Ort zu
führen und ihr dann auch noch Angst einzujagen! Doch da
gluckste es wieder und jetzt tauchte zwischen zwei
Steinhaufen das lachende Gesicht eines Jungen auf.
"Was machst du denn da?", fragte Trixi.
"Das wollte ich dich auch gerade fragen!", sagte der Junge
und gluckste. Er kletterte zwischen den Trümmern hervor
und kam auf Trixi zu. Trixi bemerkte, dass er sich auf eine
merkwürdige Art und Weise fortbewegte. Während er über
die Steinhaufen kraxelte, fuchtelte er mit einem Arm in der
Luft herum, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
Den anderen Arm bewegte er gar nicht.
Trixi musste laut über das einarmige Fuchteln lachen.
Doch als der Junge näher kam, da blieb ihr das Lachen im
Halse stecken. Jetzt konnte sie nämlich erkennen, warum
der Junge beim Klettern nur mit einem Arm balancierte:
Er hatte nur den einen! Dort, wo der zweite Arm sein sollte,
schlackerte nur der leere Ärmel seiner Jacke herum!
"Aber ... du hast ja nur einen Arm!", platzte Trixi heraus.
"Blöde Ziege", sagte der Junge und drehte sich wieder um.
"Halt, nein, warte, bleib hier", rief Trixi und stolperte ihm
hinterher. "Es war nicht so gemeint!" Als sie ihn erreicht
hatte, sah er sie mit wutblitzenden Augen an. "Du hast mich
ausgelacht", schrie er ihr ins Gesicht. Er war ein Stückchen
kleiner als Trixi und trug eine Mütze, wie Trixi sie noch nie
gesehen hatte, ganz weit und aufgeplustert, mit einem
kurzen Schirm über der Stirn. "Ich hab dich gar nicht
ausgelacht!", schrie Trixi zurück. Ihre Stupsnase berührte
den Mützenschirm beinah. "Ach ja? Warum hast du denn
gelacht?", schrie der Junge.

"Ich habe gelacht, weil... weil... weil du gelacht hast. Es klingt
so lustig!" Der Junge überlegte, ob etwas gegen die Ausrede
einzuwenden war. Dann lachte er glucksend los. "Hörst du",
kicherte Trixi, "es klingt, wie wenn jemand eine Flasche aus-
gießt!" Sie kicherten und glucksten eine Weile im Chor.
Dann sagte der Junge: "Ich heiße übrigens Willi." "Und ich
Trixi." "Noch nie gehört", gluckste Willi.
"Trixi - verflixi", reimte er und im nächsten Moment wankte er
rückwärts, fiel hin und kullerte ein ganzes Stück den
Steinhaufen hinunter. Trixi stolperte ihm zu Hilfe. Ganz so
fest hatte sie ihn dann doch nicht schubsen wollen! Aber ehe
sie bei ihm war, hatte er sich schon wieder aufgerappelt.
Verflixt!, wollte er fluchen, tat es dann aber doch nicht.
Gemeinsam klopften sie ihm den Staub von den Kleidern.
Mit drei Armen ging das viel besser als mit einem.
Und während sie an Willi herumklopften, fragte er sie
plötzlich: "Wie kommst du eigentlich hierher? Ich habe dich
noch nie gesehen!"

"Tja ...", druckste Trixi herum, "das weiß ich selber nicht so
genau. Erst mal wäre ich froh, wenn ich wüsste, was hier
überhaupt los ist! Das sieht hier alles gar nicht nach Wien
aus!" Willi nickte. "Du warst bestimmt lange nicht mehr hier.
Vor dem Krieg, da sah es natürlich ganz anders aus!"
Trixi schwieg. Von einem Krieg hatte sie schon gehört, der
vor langer Zeit einmal passiert war und alles kaputt gemacht
hatte. Aber dass alles so kaputt gewesen war, dass es keine
Häuser mehr gab, das hatte sie nicht gedacht.
"Und der Krieg ist auch schuld daran, dass..." Sie nickte
vorsichtig in die Richtung, wo einmal Willis zweiter Arm
gewesen sein musste. Willi schaute traurig zu Boden.
"So was passiert, wenn Krieg ist. Und es ist nicht das
Schlimmste, was im Krieg passiert, das kann ich dir sagen!"
"Und du lebst hier in dieser Steinwüste? Alleine?", fragte
Trixi.
Willi schlug sich klatschend vor die Stirn, dass die Mütze fast
von seinem Kopf fiel. "Mensch, gut, dass du mich erinnerst!
Ich muss ja nach Hause! Sonst verpasse ich noch die
Bescherung!" "Bescherung? " "Na klar", rief Willi, "heute ist
doch Weihnachten!" "Aber es ist doch Krieg und alles ist jetzt
vorbei", rief er, "und zweitens ... ach, du wirst schon sehen,
komm einfach mit!" Das musste er ihr nicht zweimal sagen.
Schließlich wurde es schon langsam dunkel und Trixi hatte
keine Lust wieder allein in der Einöde zu sein.
Sie folgte Willi so gut das mit ihren Schlabberschuhen ging.
Er wuselte sich mit seiner Ein-Arm-Fuchteltechnik so
geschickt durch die Trümmerhaufen, dass Trixi schnell außer
Puste war. Endlich machte Willi vor einem der Steinhaufen
Halt, drehte sich zu Trixi um und sagte: "Hier wohne ich."
Trixi glaubte erst, er wollte sie narren. Doch dann entdeckte
sie ein paar Stufen, die zu einer verbeulten Stahltür
hinunterführten. Willi hüpfte die Stufen hinunter und klopfte
an die Tür. "Willi?", fragte eine Frauenstimme von drinnen.
"Ja, Mama, ich bin's", antwortete Willi. Dann drehte sich
quietschend ein Schlüssel im Schloss und die Tür sprang
auf: Willi winkte Trixi ihm zu folgen und ging hinein.

Es war nun stockdunkel geworden und aus dem
Kellereingang, in dem Willi verschwunden war, leuchtete
ihnen ein warmes Licht entgegen. Kurz entschlossen stieg
Trixi in den Keller hinab. Eine einzige Kerze brannte in dem
düsteren Kellerraum. Sie stand auf einer Untertasse in der
Mitte des Raumes auf dem Boden. Der Kellerraum hatte
nichts Schönes, nichts Gemütliches außer einem zerbeulten
eisernen Ofen, der in einer Ecke stand und eine angenehme
Wärme verbreitete.
Wäre die Kerze nicht gewesen, hätte dieser Keller sicherlich
ganz armselig und unfreundlich ausgesehen und Trixi hätte
sich bestimmt nicht wohl gefühlt. Aber das Kerzenlicht hatte
die gemauerten Wände, den staubigen Boden und den alten
Ofen mit einem wunderbaren, dunkel-gelb- goldenen Glanz
überzogen. Der Kerzenschein flackerte fröhlich auf Willi und
seine Mutter, die sich im Arm hielten.
Die Mutter hatte Willi so heftig an sich gezogen, dass ihm die
Mütze vom Kopf gefallen war. Mit geschlossenen Augen
flüsterte die Mutter leise: "Frohe Weihnachten, mein Junge."
"Frohe Weihnachten, Mama", flüsterte Willi zurück und Trixi
wollte sich schon auf Zehenspitzen wieder nach draußen
schleichen. Doch da hörte sie Willi sagen: "Ich habe
jemanden mitgebracht. Darf sie bei uns bleiben? " Trixi, die
sich schon zum Gehen gewandt hatte, spürte plötzlich einen
neugierigen Blick in ihrem Rücken. Sie drehte sich um und
sah, wie Willis Mutter sie freundlich anlächelte.
Sie setzte ihren Sohn auf den Boden, ging zu Trixi und gab
ihr die Hand. "Hallo. Ich heiße Barbara. Und wie heißt du?"
"Trixi", sagte Trixi und griff nach Barbaras Hand. Sie fühlte
sich hart und schwielig an, ganz anders als die geschmeidige
Hand ihrer eigenen Mutter. "Hast du denn gar keine Eltern,
mit denen du Weihnachten feiern kannst?", ragte Barbara.
"Och, pfff ...", druckste Trixi, "die sind ziemlich weit weg."
Barbara nickte ernst. "Natürlich kannst du bei uns bleiben!"
Willi hatte seine Mütze wieder aufgezogen und sprang
fröhlich im Kreis um die Kerze herum. "Das wird ein lustiges
Weihnachten", rief er und Barbara lächelte. "Es gibt nur ein
Problem", sagte sie und senkte den Kopf, "ich habe gar kein
Geschenk für dich." "Das macht mir überhaupt nichts aus",
beeilte sich Trixi zu versichern. "Ich habe schon... ich meine,
ich komme auch ganz gut ohne Geschenk aus!" "Und wo ist
mein Geschenk? Wo ist mein Geschenk?" Willi war schon
ziemlich ungeduldig. Barbara zog aus einem einfachen
Holzkasten etwas, das in Zeitungspapier eingewickelt war.
Kaum hatte sie das Päckchen Willi gegeben, da hatte der
das Zeitungspapier schon in Fetzen gerissen.
Zum Vorschein kam ein alter, zotteliger Teddybär. "Aber das
ist ja der Olli! ", rief Willi. "Mein lieber, lieber Olli!" Er umarmte
den Bären mindestens genauso stürmisch, wie er seine
Mutter umarmt hatte. Trixi konnte an dem Bären nichts
Besonderes finden. Ehrlich gesagt fand sie ihn sogar
ziemlich hässlich. Außerdem war er zerzaust und schmutzig.
"Ich habe ihn gestern unter den Trümmern gefunden",
erklärte Barbara. "Hast du ihn dir schon genau angeschaut?"
Willi betrachtete den schmuddeligen Bären von allen Seiten.
Jetzt erst entdeckte er, was seine Mutter gemeint hatte:
Auch Olli hatte nur noch einen Arm. Willi kuschelte sein
Gesicht an den Bären und schluchzte leise vor sich hin:
"Lieber, lieber Olli, ist dir das Gleiche passiert wie mir?!"
Trixi trat verlegen von einem Bein aufs andere. "So, jetzt
wollen wir aber etwas essen!" Barbara klopfte Willi
aufmunternd auf die Schulter. Willi wischte sich mit dem
Ärmel die Tränen vom Gesicht. "Halt, einen Moment noch ",
sagte er, "wir haben doch auch noch ein Geschenk für dich!"
Er zwinkerte Trixi zu.
Trixi wusste gar nicht, dass sie ein Geschenk für Barbara
hatte! Schnell hatte Willi etwas aus seiner Hosentasche
gezaubert. Stolz streckte er seiner Mutter das Geschenk
entgegen. Es war ein Kamm. Barbara schlug vor Freude die
Hand vor den Mund. "Den habe ich gestern gefunden",
erläuterte Willi. "Damit deine Haare wieder genauso schön
werden wie früher!" Die Mutter öffnete ihr Kopftuch und jetzt
sah Trixi, dass ihre Haare ganz strubbelig waren. Barbara
hockte sich auf den Boden und Willi begann seiner Mutter die
Haare zu kämmen.
Trixi stand unschlüssig daneben und sah zu, bis Willi ihr den
Kamm hinhielt und fragte: "Willst du auch mal?"
Natürlich wollte Trixi. Leider gab es in dem Kellerraum keinen
Spiegel und so konnten nur Trixi und Willi sehen, dass
Barbaras Haar immer glatter und glänzender wurde.
Plötzlich sprang die Mutter auf. "Wir müssen uns beeilen mit
dem Essen!
Die Kerze ist gleich abgebrannt!" Trixi sah zur Kerze hinüber
und tatsächlich war nur noch ein kurzer Stumpf übrig.
"Dann nehmen wir eben eine neue!", schlug Trixi vor und
biss sich gleich danach auf die Lippen. Sie hatte nicht daran
gedacht, dass man hier nicht einfach zum Supermarkt gehen
und neue Kerzen holen konnte. Barbara holte eine Schüssel
aus der Truhe und stellte sie zwischen die beiden auf den
Boden.
Die Schüssel war gefüllt mit köstlichem, braunem
Schokoladenpudding! Willi tanzte einmal um die Schüssel
herum. "Schokoladenpudding! Schokoladenpudding!
Jippijeh, Schokoladenpudding!"

Barbara lächelte zufrieden und Trixi konnte dem Lächeln
ansehen, wie viel Mühe es ihr gemacht haben musste einen
Pudding aufzutreiben, hier, wo es nichts gab außer Steinen.
Drei große Suppenlöffel wurden aus- geteilt und gemeinsam
begannen sie aus der Schüssel zu essen. Kurz bevor der
Kerzendocht zischend im Wachs versank, war die Schüssel
leer. Das Licht erlosch und sofort machte sich im Kellerraum
schwärzeste Dunkelheit breit. Doch Trixi hatte keine Angst.
Sie wusste, dass Freunde um sie herum waren.
Irgendwie schaffte es Barbara, trotz der Dunkelheit ein paar
Decken heranzuschaffen und auf den Boden zu legen.
Die Decken waren rau und kratzig, aber sie sorgten immerhin
da- für, dass ihnen nicht kalt wurde. Als sie sich hinlegte,
bedankte sich Trixi bei Willi und Barbara für das schöne
Weihnachtsfest. Dann wurde es still und Trixi dachte nach.
Sie dachte an das Weihnachtsfest, das sie mit ihren Eltern
verbracht hatte, und wie hässlich sie mit ihrem Geschenk
umgegangen war.
Und plötzlich überkam sie eine unendlich große Sehnsucht
nach ihrem Zuhause und ihren Eltern. Sie lauschte auf den
gleichmäßigen Atem von Willi und seiner Mutter. Dann stand
sie leise auf und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Die Tür
quietschte in den Angeln, als sie sie öffnete.
Schnell schlüpfte Trixi nach draußen. Das Mondlicht war klar
und hell. Sie kam gut voran, weil sie jetzt schon geübt war im
Stolpern auf den Steinen. Niemand folgte ihr. Sie kletterte auf
den höchsten Trümmerhaufen und rief laut nach Franziska.
Es verging nicht der Bruchteil einer Sekunde und die kleine
Zeithexe schwebte auf ihrem Wunderbesen heran.
Trixi sprang auf den Besen, klammerte sich an Franziskas
Zeitzauberkleid und schon hob sich der Besen wieder in die
sternenklare Nacht. Höher und höher stieg der Zeitreitbesen
und Trixi spürte, dass es nach Hause ging. Sie tippte
Franziska von hinten auf die Schulter und schrie gegen den
Wind an: "Eines möchte ich noch wissen: Was ist mit Willis
Vater?" Franziska antwortete nicht sofort. Sie musste sich
auf den Landeanflug konzentrieren.
Trixis Kinderzimmerfenster tauchte vor ihnen auf. Es holperte
ein wenig und schwups!, waren sie durch die Fensterscheibe
hindurchgeflogen. Trixi schlüpfte in ihr großes, weiches Bett
hinein. Sie war hundemüde und doch musste sie noch eine
Antwort auf die Frage haben. "Was ist mit Willis Vater?",
drängte sie.
"Du wirst es morgen erfahren. Ganz bestimmt!", sagte
Franziska. Dann zischte sie auf dem Besen durch das
Fenster davon. Trixi war mit der Antwort nicht zufrieden.
Bedeutete das, dass Franziska morgen wieder kommen
würde? Würde sie überhaupt jemals wieder kommen?
Die Müdigkeit machte der Fragerei ein Ende. Trixi schlief ein.
Am nächsten Tag war sie sicher, dass die kleine Zeithexe
nur ein Traum gewesen war. Trotzdem holte sie ihren
großen, nagelneuen Teddybären und begann sich mit ihm
anzufreunden. Am Nachmittag kam ihr Onkel Fritz zu Besuch
und brachte ihr ein noch viel blöderes Geschenk mit.
Ein Buch! Und es war noch nicht einmal ein Buch für Kinder!
Lauter Fotos drin, und malen durfte man auch nicht in das
Buch! "Heb es dir gut auf", sagte der Onkel. "Später einmal
wirst du deinen Spaß daran haben!" Trixi schlug enttäuscht
das Buch auf. Es war voll von alten Bildern, die Wien zeigten,
so, wie es früher einmal ausgesehen hatte. Gelangweilt
schlug sie ein paar Seiten um. Plötzlich stieß sie auf ein
Foto, das sie auf geheimnisvolle Weise anzog. Das Foto war
auf dem Wiener Bahnhof aufgenommen. Sie erkannte die
Bahnhofshalle.

Auf einem der Bahnsteige wimmelte es von Menschen.
Ein Zug war angekommen. Trixi sah sich die Menschen an.
Auf einmal entdeckte sie etwas, das ihr bekannt vorkam:
Willis Mütze! Und unter der Mütze sah sie sein lachendes
Gesicht. Fast konnte sie ihn glucksen hören. Er schien
besonders glücklich zu sein. Und auch Barbara entdeckte sie
jetzt. Sie umarmte den Mann, der Willi auf dem Arm hielt,
und sah ihn glückstrahlend von der Seite an. Sie hatte
Freudentränen in den Augen. Trixi zupfte ihren Vater am
Ärmel. "Papa, was passiert auf diesem Foto? ", fragte sie ihn.
Der Vater besah sich kurz das Bild und sagte dann:
"Das sind Soldaten, die im Krieg gefangen genommen
worden sind und nach langen Jahren wieder freigelassen
wurden. Aber das kannst du noch nicht verstehen, dafür bist
du noch zu klein!" Trixi nickte, nahm das Buch und ging in ihr
Zimmer. Sie legte sich auf den Boden und schaute sich das
Bild noch einmal ganz genau an. Sie dachte an Willi und an
Barbara, die ihre Freunde waren, und daran, wie froh sie jetzt
sein mussten: Willis Vater war nach Hause zurückgekehrt.

Die Geschichte sollte ursprünglich in Köln handeln (Kölner Dom) Ich hab sie natürlich immer auf Linz bezogen gelesen, diese Version ist auf Wien umgeändert.

 

Quelle.... 

 

http://www.woman.at/mywoman/moonwillow/?day=20091212

 

 

4 Bewertungen

  • Bild von Ursula Renate

    Die Geschichte hat mich so gefesselt, als wäre ich dabei gewesen.

  • Bild von waldhexe13

    Eine wunderbare Geschichte...  ....und so passend auf Weihnachten.....zeigt sie uns doch in welcher guten Zeit wir leben....und dass wir auch mit kleinen Geschenken...die von Herzen kommen...glücklich sein sollten ....



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